Ein Jahr nach Winnenden: Der nächste Amoklauf an einer Schule ist nur eine Frage der Zeit.

Amokläufe sind keine Naturkatastrophen, sondern menschliches Tun, das man zumindest erschweren kann. Kein gesunder Mensch braucht tödliche Waffen als Mittel der Freizeitgestaltung. Bis zum Mauerfall war der private Waffenbesitz in West-Berlin verboten. In Japan ist er es bis heute. In vielen deutschen Sportschützenvereinen schießt man schon jetzt nur noch mit Druckluftwaffen. In England wurden nach einem Schulmassaker in Dunblane 1996 private Faustfeuerwaffen verboten; seitdem hat es dort keinen Amoklauf in einer Schule mehr gegeben. Die Zahl der in England mit Faustfeuerwaffen begangenen Morde ist die niedrigste seit mindestens 20 Jahren.

Warum hat die Entwaffnung der Sportschützen in Großbritannien nur ein Jahr gedauert, trotz des gewaltigen Protestes von Schützenvereinen und Waffenlobby? Weil beherzte Bürger und die Zeitung Sunday Mail in nur vier Monaten mehr als eine Million Unterschriften für das sofortige Verbot von privaten Faustfeuerwaffen gesammelt hatten. Und weil die Regierungsparteien – anders, als es in Deutschland der Fall ist – den Konflikt mit der dort nur kleinen Wählergruppe der Sportschützen nicht scheuten.

Aus guten, ja zwingenden Gründen hat der Gesetzgeber vollautomatische Schusswaffen für den privaten Gebrauch generell verboten: Sie sind zu gefährlich für private Zwecke. Aus ebenso zwingenden Gründen muss der Gesetzgeber endlich auch tödliche Sportwaffen verbieten: Sie haben sich ebenfalls als zu gefährlich für den Privatgebrauch erwiesen.

Zeit Online berichtet hier in einem bemerkenswerten Kommentar über die Unfähigkeiten unserer politisch Verantwortlichen und die Macht der Waffen-Lobby.

Ich bin kein Schütze, und ein deutlicher Verfechter von einem Schutzbedürfnis vor Waffen in den Händen von Zivilisten. Winnenden und andere Amoktaten lassen sich jedenfalls dadurch hauptsächlich verhindern, dass der Zugang zu Schusswaffen erschwert wird.

Die Diskussion im Forum verfolgen?

Forschung über Amok-Taten

Die Bedrohung früh erkennen - Südwest Presse Online_1259828875386Amokläufe an Schulen sind selten. In Deutschland gibt es etwa einen vollendeten Fall pro Jahr. Für Wissenschaftler heißt das: Statistisch verlässliche Aussagen über potenzielle Folgetäter sind schwierig zu treffen. Dennoch gibt es Möglichkeiten für eine Risikoeinschätzung, sagt Prof. Reinmar du Bois, Leiter der Klinik für Kinderpsychiatrie am Stuttgarter Olgahospital. „Alle bisherigen Amokläufer hatten schwerwiegende psychiatrische Probleme.“ …

Bei einem Schulamokläufer muss eine Menge zusammenkommen, betont du Bois, der auch Gutachter im Winnenden-Prozess ist. Da sei zum einen das Persönlichkeitsprofil des weitgehend sozial isolierten jungen Menschen, der sein Heil in ausgiebigen Gewaltspielen am Computer sucht und dort starke Suchttendenzen entwickelt. Das allein reiche jedoch nicht aus – sonst gäbe es tausende Amokläufer. Zwingend hinzu kommen psychiatrische Aufälligkeiten, etwa Depressionen. Viele potenzielle Amokläufer beschäftigten sich intensiv mit dem Thema „Tod“, auch mit ihrem eigenen. Der zweite Amokläufer-Prototyp ist der autistisch wirkende und oft auch nach außen hin skurril auftretende Jugendliche, der nicht zwischen Phantasie und Realität unterscheiden kann. Vergleichsweise selten ist der Psychopath: unempathisch, gefühlskalt und mit einer Freude an Gewalt.

…Für Fegert ist der freie Zugang zu Schusswaffen ein zentrales Problem, „auch wenn das banal klingt“. Außer dem Psychopathen, der sich die Waffe notfalls mit Gewalt besorge, scheiterten die übrigen Amoklaufkandidaten in der Regel an der Beschaffung, sagt Fegert. Ausnahme: Waffen sind im häuslichen Bereich frei verfügbar.

Kurz zusammengefasst bedeuten diese Ergebnisse eine eindeutige Kampfansage in Richtung all derer, die noch immer von Killerspiel-Jungen-sind-frauenfeindlich-und-per-se-gewalttätig-Fantasien geplagt werden.

Amoklauf: Warum Jungs zu Killern werden…

beschreibt der Soziologe Walter Hollstein in einem Interview in der Welt. Sein Fazit unter anderem:

WELT ONLINE: Warum wählen Amokläufer immer Schulen aus?

Hollstein: Jungen haben in der Schule weitaus mehr Schwierigkeiten als Mädchen. Bei ihnen zeigen sich häufig Versagensängste und Frustration. Wenn sich das festsetzt, können auch Rachegelüste entstehen. Daher ist es naheliegend, noch einmal in die Schule zu gehen und diejenigen zu ,bestrafen’, die man an der eigenen Tragödie für schuldig hält.

WELT ONLINE: Was kann die Politik tun?

Hollstein: Die Geschlechterpolitik, die in Deutschland betrieben wird, verschlechtert die Situation. Die Probleme und Nöte von Jungen und jungen Männern werden einfach nicht zur Kenntnis genommen. Alles, was von Experten versucht worden ist, prallt am Bundesfamilienministerium ab.

Auch wenn der Titel des Interviews fast jungenfeindlich klingen mag: Der Inhalt ist es nicht.

Wie die “Emma” investigativ den Amoklauf aufklärte…

Es war eigentlich zu erwarten.

Ich hatte ja bereits gestern über die Spekulationsblasen von Steffen Seibert (ZDF) geschrieben, doch offenbar waren die eifrigen ForenteilnehmerInnen der “Emma” noch brillianter und schneller in ihrer Analyse der Amoktat.
Wo die meisten erstmal sprachlos sind, erklärt uns bereits gestern die Emma-Begründerin, wie der Täter wirklich tickte.

Den Erklärungen ist gemein, dass sie zwar gut in den jungenverachtenden Zeitgeist passen, jedoch in keiner Weise der Dynamik eines Amoklaufes Rechnung tragen.

Übrig bleibt im Emma-Artikel nicht etwa ein hier und da eingestreuter differenzierender Konjunktiv, der eine Mutmaßung kenntlich macht nach dem Motto: es hätte so und so sein können, nein, Alice Schwarzer weiß wohl, was den Täter antrieb. [Read more...]

Amok-Schock, und leider keine Sendung über Jungs…

Das Fernsehprogramm wurde auf allen Kanälen gestern permanent aktualisiert, um der multimedialen Aufbereitung des Amoklaufes gerecht zu werden. Eigentlich wollte ich heute über einen Fernsehbericht im SWR schreiben, der sich mit der Jungenproblematik beschäftigt. Doch es kam anders: Ein 17Jähriger lief Amok und tötete 16 Personen.

Dass die Jungenproblematik eventuell Mitauslöser der Tat sein könnte, und dass es eine dringende Veränderung der Jungenarbeit geben müsste, wird leider nicht gesehen oder ist eben nicht wichtig genug, dass darüber berichtet wird.

Doch etwas anderes fällt auf: Alle reden davon, dass dieser Täter doch so “normal” und vor allem “so still” gewesen sei, dass sich keiner hätte vorstellen können, dass eben jener Junge einmal ein Amoktäter wird.

Bereits seit fast 20 Jahren berichten Fachleute widerholt darüber, dass Gewalttäter in der Regel eher aggressionsgehemmt und  überangepasst sind – doch es scheint nichts zu nützen – alle wundern sich immer wieder, wie ein so ruhiger cooler Typ zu einer solchen Tat fähig ist…

Noch etwas ist auffällig:
Alle Journalisten und Experten mußten gerstern aktuell aufgrund fehlender wirklich stichhaltiger Fakten über die Motivlage des Täters spekulieren. Und das taten sie -  auch wie immer: hauptsächlich jungenfeindlich.

Besonders hevorgetan hat sich gestern Steffen Seibert vom ZDF, der mehrfach hervorhob, dass der Täter eben Schülerinnen und Lehrerinnen umbrachte – und daher den Zusschauern geradezu nahelegte, eine Eifersuchtstat eines “typisch bösen” Jungen gegen die “armen” und “lieben”  Mädchen und Frauen anzunehmen.

Sicher, wenn man als Medienmacher über etwas berichten muss, von dem nichts wirklich bekannt ist, so ist man auf Spekulationen angewiesen. Wie diese Spekulationen bei Herrn Seibert  jedoch ausfielen, ist bemerkenswert.

Er versuchte gestern einem ausgewiesenen Kriminologen geradezu suggestiv die positive Andersartigkeit der Mädchen und Frauen in den Mund zu legen – und scheiterte, denn dieser bestand darauf, dass auch Mädchen und Frauen zu Amoktaten fähig sind.

Es ist damit zu rechnen, dass vielleicht nichts über die wahren Motive des Täters mehr zu erfahren sein wird – schließlich  ist er tot.

Doch genau diese fehlenden Fakten werden dann mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Faktum umgedeutet und dazu benutzt werden, erneut eine Hälfte der Jugend zu dämonisieren: die Jungen.

Das Motto lautet: Wenn sie laut sind, sind sie böse, und wenn sie leise sind, auch.