Der “Boys Day” kommt… als Umerziehungs- Programm?

(c) Der Westen„Mit einer bloßen Kopie des ,Girls’ Days’ ist es aber nicht getan“, sagt Miguel Diaz. Um Jungs für Frauenberufe zu gewinnen, müssten traditionelle Männerbilder aufgebrochen und die Jungs beim Übergang von der Schule in den Beruf in ihren sozialen Kompetenzen gestärkt werden, so der Koordinator und wissenschaftliche Referent des Projektes „Neue Wege für Jungs“, der kürzlich auf Einladung der Gleichstellungsstelle der Stadt Iserlohn im Rathaus referiert hat.

Na, ziemlich martialisch kommt er schon daher, der traditionelle Männerrollen aufbrechende Miguel Diaz. Aber das muss wohl so sein, wenn man ein so negatives Jungenbild hat. Er tut so, als ob alle Jungen – zumindest dem Grunde nach -  soziale Idioten seien, die erst mal “gestärkt werden müssten”. Dass Jungen auch positive, soziale Eigenschaften haben, scheint ihm entgangen zu sein. Zu seinen Gunsten muss ich erwähnen, dass ich hier diesen Artikel zerpflücke, aber ich gehe davon aus, dass dieser von Miguel Diaz autorisiert wurde. Doch weiter im Text.

„Neue Wege für Jungs“ ist ein Projekt des Bundesfamilienministeriums, das Initiativen und Träger unterstützt, die sich mit dem Thema Berufs- und Lebensplanung für Jungen beschäftigen. Im Herbst 2009 hatte sich auch in Iserlohn auf Initiative der Gleichstellungsstelle ein Vernetzungsprojekt „Neue Wege für Jungs“ gegründet, das die spezielle Förderung von Jungs bei der Berufswahl in den Fokus stellt.

Hört sich ja erstmal gut an: “das die spezielle Förderung von Jungs bei der Berufswahl in den Fokus stellt”. Klingt so, als ob wir in diesem Land ein Grundrecht auf die freie Berufswahl haben, und jetzt Jungen darin gefördert würden. Die freie Berufswahl haben wir auch. Doch das wird den Jungen wohl so nicht wirklich erklärt werden, im zukünftigen “Boys Day”, denn – und jetzt kommts echt dicke:

Bei seinem Vortrag in Iserlohn verdeutlichte Miguel Diaz die Notwendigkeit solcher Bemühungen – nicht weil die Jungs tatsächlich die Verlierer des Bildungssystems seien (entsprechende Zahlen zu signifikant besseren Schulabschlüssen bei Mädchen haben sich längst wieder relativiert), sondern weil die traditionellen männlichen Berufsbilder in der Industrie weg brechen und junge Männer umdenken müssen, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt bestehen wollen.

Hört! Hört! es gibt also keine Studien mehr, die den Bildungsnotstand der Jungen empirisch belegen, nein alles ist wieder gut “gendergerecht” zurecht gerückt, Jungen sind  in den Augen solcher Genderfachmänner mutmasslich eben nur so dumm, sich Berufe zu wünschen, die eher “produzieren” statt zu “dienstleisten”, die eher technisch sind, als pflegerisch.

Vielleicht tun das die Jungen nur, weil  DIESE BERUFE SIE EBEN EINFACH MEHR INTERESSIEREN, erstmal völlig egal, weshalb. Doch das darf  so offenbar nicht stehenbleiben, auch wenn eine solche Berufswahl vielleicht wesentlich klüger und krisenfester wäre, als sich im Dienstleistungsbereich zu tummeln, wie man gerade zur Zeit der größten Wirtschaftskrise im Abchneiden der Dienstleistungs-Länder wie Großbritannien im Vergleich zu Deutschland sehen könnte.

Hintergrund ist, dass die geschlechtsspezifische Berufswahl nicht nur durch die Mechanismen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, sondern auch und vor allem durch kulturell verankerter Rollenbilder hervorgerufen werden. Und in diesem Punkt, so Diaz, seien Jungs die größeren Problemfälle. Denn wo für Frauen ein Wechsel in die berufliche Männerwelt in den meisten Fällen ein Aufstieg bedeutet, verstößt der umgekehrte Weg gegen traditionelle Männlichkeitsideale und in punkto Einkommen auch gegen die immer noch tief verankerte Rolle des Mannes als Alleinverdiener, der für den Unterhalt der Familie aufkommt.

Stimmt! Komisch, nicht wahr? Es soll wirklich Menschen geben, die eben nicht finaziell absteigen und abhängig werden, sondern aufsteigen wollen, die soooo viel verdienen möchten, dass ein Sozialpädagoge wie Herr Diaz mal echt neidisch werden könnte. Seltsam, seltsam sind sie offenbar,  diese “Problemfälle”.  (An dieser Stelle weigere ich mich, anzunehmen, Herr Diaz wolle den verordeten Sozialismus zurück – doch, der Verdacht liegt zumindest nahe)
Doch weiter im Text:

Daher rührt es, dass 68 Prozent der Männer nach wie vor in männerdominierte Berufe gehen, mehr als die Hälfte aller männlichen Ausbildungsanfänger konzentrieren sich auf die Top-20-Berufe, die mit dem Kfz-Mechatroniker an der Spitze fast ausnahmslos im produzierenden Gewerbe und Handwerk angesiedelt sind. Nur 1,28 Prozent gehen in Frauenberufe wie Erzieher oder medizinische Fachangestellte. Bei den Frauen sind es immerhin schon 5,2 Prozent, die den umgekehrten Weg einschlagen. Diese Trennung vollzieht sich auch bei Akademikern, wie die von einzelnen Geschlechtern dominierten Studiengänge wie Informatik (85,7 Prozent Männer) und Tiermedizin (83,6 Prozent Frauen).

Diese Analyse stimmt – nur wird hier (und päter den Jungen)  tunlichst verschwiegen, dass die Frauen keineswegs von Natur aus flexibler sind als die Männer, sondern dass genau diese Frauen in den letzten 30 Jahren mit hunderten von Programmen gefördert, gefördert, gefördert wurden…. und dennoch trotz vieler Millionen Euro kaum in technische Berufe gegangen sind.
Vielleicht ist ja die Logik folgende: Was in der Mädchenförderung nicht so recht funktioniert hat, wird jetzt mit umgekehrten Vorzeichen bei den Jungen versucht. Vielleicht gibt die Wand ja doch nach, wenn man mit demselben Kopf nur konsequent weiter dagegen läuft.

Weiter möchte ich den Text des zitierten Artikels nicht kommentieren, ich müsste mich sonst wiederholen, und das wäre selbst für mich heute zu langweilig.

PS: Der Autor plädiert seit vielen Jahren für eine Jungenförderung und für mehr Männer in sozialen Berufen. Er möchte nur niemanden zu seinem Glück zwingen, sondern versteht unter Jungenförderung die Stärkung der individuellen Fähigkeiten der Jungen vor dem Hintergrund ihrer Interessen, nicht aber deren Abwertung.

Kommentare

  1. Andreas Rheinhardt meint:

    Was du vergessen hast (ich nehme einfach einmal an, dich duzen zu dürfen): Wenn der Artikel ehrlich wäre (bzw. wenn der Autor, d.h. der Journalist die wahren Hintergründe kennen würde), würde er schreiben:
    “(entsprechende Zahlen zu signifikant besseren Schulabschlüssen bei Mädchen wurden inzwischen erfolgreich relativiert)”
    und zwar von den “Jungenförderern” wie Diaz, Neue Wege für Jungs und Dissens e.V., dem Bundesjugendkuratorium und z.B. den Leuten von dieser Tagung: http://kw.uni-paderborn.de/institute-einrichtungen/gender-studien/tagung (NWfJ macht auch bald so eine Tagung); was z.B. der Herr Pohl auf dieser Paderborner Tagung abgelassen hat, hast du ja hier: http://webjungs.de/emanzipation/fachtagung-mannerrollen-%E2%80%9Einterkulturelle-kompetenzen-starken%E2%80%9C/#comments schon erwähnt. Die Relativierung geschieht meistens dadurch, dass behauptet wird, dass Mädchen auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden und dass deshalb die schlechteren Schulabschlüsse der Jungen ihnen nicht zum Nachteil gereichen, wobei natürlich übersehen wird, dass bereits über 60% der jungen Arbeitslosen männlich sind. Außerdem vergisst man, dass es auch viele gutbezahlte inzwischen weiblich dominierte Ausbildungsberufe gibt (z.B. Bankkaufleute, Bürokaufleute etc.), zu denen Jungen oftmals keinen Zugang bekommen, weil sie de facto Abitur voraussetzen (und auch weil die entsprechenden Institutionen hier keine Gleichstellungsarbeit betreiben). Im Hintergrund steckt bei den genannten Akteuren natürlich das Weltbild, wonach die Welt von hegemonialer Männlichkeit beherrscht wird und dass diese alle Probleme verursacht (sowohl die Probleme der Jungen als auch die (selbstverständlich größeren) von Frauen), weshalb man die Jungen davon kurieren muss. Deshalb soll ihnen das ausgetrieben werden. Wenn sich z.B. Jungen für Technik interessieren, ist das nicht gut, sondern schlecht, denn Technik ist ein Machtinstrument über Frauen und deren Beherrschung (sowohl der Technik als auch der Frauen) Teil der hegemonialen Männlichkeit; das ganze beinhaltet natürlich auch Ausschluss und Abwertung von Frauen. So kann man es z.B. bei Sabine Jösting: Jungenfreundschaften nachlesen (ein typisches Gender-Buch voller Misandrie). Solltest du es hier vorstellen wollen, solltest du darauf achten, es nicht zu kaufen, sondern nur über eine Bibliothek auszuleihen.
    (Allgemein konzentrierst du dich meines Erachtens zu sehr darauf, einzelne Angebote zu kritisieren, aber die dahinterstehende Ideologie nicht wirklich zu berücksichtigen. Es bringt z.B. nicht viel, einen Artikel wie den über die Paderborner Tagung zu kritisieren, der jetzt bereits nicht mehr im Netz zu finden ist.)

    • Leon Woczelka meint:

      Ganz herzlichen Dank für die kluge Ergänzung, die Links und deine Mühen. So entwickelt sich Burkhards Artikel zu einer annähernden “Wissenschaftlichkeit”, die die Genderfachmänner jedoch häufig genug vermissen lassen.

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