In meinem letzten Artikel hatte ich über die Ansichten des Herrn Bueb berichtet.
Andreas, einer unserer Leser, hat nun in einem Kommentar darauf hingewiesen, dass auch andere “renommierte Fachleute” ähnliche Ansichten über Jungen und junge Männer hegen, die jedoch beweisbar falsch sind. Er schreibt:
In eine ganz ähnliche Kerbe (wie Bueb) hauen auch die Herren Christian Pfeiffer (“Zivilcourage ist weiblich“)“Pfeiffer berichtete von Predigten, die er in Kirchen gehalten habe und in denen der Barmherzige Samariter eine zentrale Rolle spielte. Empirisch, so Pfeiffer, stimme das biblische Bild nicht, denn der Samariter müsste eigentlich eine Frau sein. Frauen mischten sich weit häufiger ein als Männer, die allenfalls Freunden mit vergleichbarer Verve zur Seite stünden („Eine Frage der Ehre“). Die Wissenschaft machte vier Zusammenhänge aus in der familiären Erziehung, die die Bereitschaft stärken, sich zivilcouragiert zu verhalten. Da wäre Gewaltfreiheit in der Erziehung zu nennen sowie liebevolle engagierte Eltern, die Nächstenliebe vorlebten. Wertorientierung müsse vermittelt werden wie die Einsicht, dass Argumente zählten und nicht die Macht. Eltern täten gut daran, ihren Kindern auch mal Recht zu geben. Letztlich brauche Courage Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, eine gesellschaftliche Kultur der Anerkennung.
Dass nun gerade Frauen weitaus eher bereit sind, Zivilcourage zu zeigen, liege auch in den Rollenmustern begründet, die bei der Erziehung von Jungen und Mädchen höchst unterschiedlich seien. Während Mädchen ihre Emotionen zeigen dürfen, würden Jungen darauf trainiert, ihre Empfindungen zu unterdrücken. Folge: Jungen nehmen die Gefühle, auch das Leid anderer nicht so wahr, wie Mädchen. Das Rollenmuster habe sich über viele Generationen hinweg genetisch verfestigt: Männer organisieren Schutz, Frauen Geborgenheit.”
Dieser Artikel ist eigentlich Quatsch: Er nimmt den Fall Brunner als Aufhänger, um zu behaupten, dass Frauen hilfsbereiter sind und Männer “allenfalls Freunden mit vergleichbarer Verve zur Seite stünden”.
Brunner hat hingegen ihm unbekannte Kinder verteidigt/verteidigen wollen und, soweit ich weiß, sind es tatsächlich überwiegend Männer, die ihre eigene körperliche Unversehrtheit aufs Spiel setzen, um andere zu beschützen.
Und hier steht sogar, dass Männer etwa 80% der Ersthelfer stellen. Wem mangelt es hier also an Zivilcourage?)
Manfred Spitzer schreibt : “Wenn ein 12-jähriges Mädchen einen Computer haben möchte, würde ich das wahrscheinlich befürworten, weil es sich über Mails, Chats und Blogs mit anderen Menschen austauschen möchte. Bei einem Jungen wäre ich dagegen. Da wird geballert oder illegales Zeug runtergeladen.”
Diese Erkenntnis hat er durch die Beobachtung seiner beiden Kinder gewonnen.
Übrigens gibt es inzwischen Leute, die beklagen, dass Frauen und Mädchen zunehmend süchtig nach sozialen Netzwerken werden. Das wirkliche Leben besteht nicht nur aus Chats.); speziell bei der Debatte um sog. “Killerspiele” wird häufig unterschwellig (und nicht selten explizit, wie bei Spitzer) mit Misandrie argumentiert; wegen der Pauschalität der Vorwürfe und der häufigen inhaltlichen Fehler von Seiten von Spitzer, Pfeiffer und Konsorten (aus Politik und Medien) werden sie übrigens von der Computerspielszene heftig kritisiert.
Der Artikel über Pfeiffer ist, glaube ich, eine Meldung wert.
Yepp, das stimmt, hier ist der Artikel…


Im aktuellen Spiegel gibt es bei der Berichterstattung über einen Fall, der dem Brunner-Fall nicht unähnlich ist, allerdings ohne Todesopfer. Was aber überrascht, ist, dass auch hier klar erwähnt wird, dass die meisten Helfer Männer sind; der Spiegel befragt hierzu denselben Experten wie psychologie-heute, Hans-Werner Bierhoff:
“Erforscht hat er, wer nicht hilft. 60 bis 70 Prozent der Leute, die eine gefährliche Situation beobachten, mischen sich nicht ein. Frauen helfen praktisch nie. Wenn man Frauen befragt, nicht in einer Gefahrenlage, sondern in einem Forscherbüro mit weichem Teppich, sagen hingegen fast alle, dass sie selbstverständlich helfen würden. Wenn es ernst wird, rufen sie meist nicht einmal die Polizei.”
Wahrscheinlich hat Herr Pfeiffer einfach nur Frauen im Forscherbüro befragt und (getreu dem alten Motto “Libenter homines id quod volunt credunt” — “Gerne glauben die Menschen das, was sie wollen.”, Cäsar, De Bello Gallico) daraus seine Schlüsse gezogen. Bierhoff weiter:
“„Der, der am häufigsten hilft“, sagt Bierhoff, „ist ein Mann mit hoher sozialer Verantwortung, der sich in andere hineinversetzt, der sich mit Fragen der Gerechtigkeit auseinandersetzt, den es schmerzt, wenn es ungerecht zugeht, und der eben in der Lage ist, das zu tun, was er denkt.“ [...] Bierhoff sagt, dass das, was Timo Kröger erlebte, typisch sei. „Typisch, dass die Bahn voll war und trotzdem keiner früher
geholfen hat. Typisch, dass die Frau in der Straßenbahn, zu der das Opfer Blickkontakt suchte, nicht eingegriffen hat. Typisch, dass ein Mann geholfen hat.“”
Ich glaube, wir sollten dem Spiegel, d.h. der Autorin Barbara Hardinghaus, durchaus zukommen lassen, dass wir solche Artikel schätzen. Wahrscheinlich würden sich viele andere Journalisten bei solch einem Fall darauf konzentrieren, dass die Täter männlich sind, mindestens einer einen Migrationshintergrund hat und daraufhin einen Artikel schreiben, in dem männliche Heranwachsende (insbesondere solche mit Migrationshintergrund) nur als dumpfe Schläger auftreten, die selbstverständlich ein patriarchalisches Macho-Männerbild aufweisen (inkl. Sexismus gegenüber Frauen), von ihren Familien als zukünftige Paschas aufgezogen und verhätschelt werden (und deshalb in der Schule schlechter abschneiden als ihre Schwestern) usw..
Ach ja: Wenn man sich nicht nur mit dem allgemeinen Fall befassen will, sondern gleich allgemeine Tendenzen und das goße Ganze beschreiben will, bietet es sich in solchen Fällen an, Männer generell als unflexibel darzustellen, als das in der Entwicklung zurückbleibende Geschlecht, welches sich an Gewalt klammert, um seine (selbstverständlich abzuschaffende) Hegemonie aufrechtzuerhalten (allen Rezensionen nach zu urteilen, haut z.B. das Buch Heldendämmerung von Ute Scheub (siehe z.B. http://www.3sat.de/page/?source=/buchzeit/142671/index.html ) genau in diese Kerbe; ähnlich auch bei http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/aliceschwarzer-artikel-essays/motivs-frauenhaus/).