Irgendwer hat in den siebziger Jahren das Schild auf der hügeligen, malerischen Zufahrtsstraße nach Ober-Hambach zur Odenwaldschule verhunzt. “Hodenwaldschwule” stand da beinahe ein ganzes Jahr lang.
Das war nicht wirklich lustig, aber auch nicht wirklich beängstigend. Wer würde wegen eines hinzugefügten H gleich den Verdacht schöpfen, dass an der Schule Ungeheuerliches vor sich geht?
Dann war da der Holzphallus. Schüler rammten ihn 1975 in die Wiese vor Gerold Beckers Büro auf dem Schulgelände. Er ließ ihn umgehend entfernen.
Dann waren da die Schüler, die “Der Be-ecker, der Be-ecker, der findet kleine Jungs le-ecker” sangen.
Dann war da der Lehrer, der Karneval 1972 zum Anlass nahm, um in einer Büttenrede von “Heldenleben mit Kindertotenliedern” zu schwadronieren. Eine Anspielung auf das Geschehene oder Vermutete als Gag. Der Mann wurde danach wochenlang von den Kollegen rund um den schwer belasteten Musiklehrer Wolfgang Held gemieden.
Wenn man heute, knapp vier Jahrzehnte später, von all den scheinbaren Scherzen hört, wirken sie nicht mehr komisch. Nicht mehr wie ein alberner Jungenwitz, wie jugendlicher Übermut, wie eine lapidare Bemerkung. Heute ist es eine Gewissheit, dass mindestens 13 unterschiedliche Täter an der Odenwaldschule weit mehr als 50 Schülerinnen und Schüler über Jahrzehnte sexuell missbraucht haben. Der Holzpenis, der Karnevalsklamauk, das geschnitzte H: Nun provozieren sie Fragen.
Hier geht es weiter mit der beinahe ungeheuerlichen Geschichte. Ich glaube, es wäre einer der größten Aufschreie aller Frauenverbände in unserem Land, würde es sich bei den Opfern um ehemalige Mädchen handeln…
