Trauriger Höhepunkt des Jungen-Bashing … und wo bleiben hier die Reaktionen der “neuen Wege für Jungs” oder das Bundesforum Männer?

Die Aufregung ist groß – denn ein Mädchen wurde ermordet. Das passt gut in die Wahrnehmung von einfachen Täter/Opfer-Schemata… Wie verheerend  sich ein völliges Versagen der Polizei und der Medienlandschaft im Falle eines 17 jährigen jungen Mannes auswirken kann, beschreibt der Tagespiegel und viele andere Medien heute.

Aber er war es nicht. Das weiß man seit Freitag früh. Er hatte nur Pech. Das Pech, dunkle Kleidung, weiße Schuhe und einen irgendwie verdächtigen Gang gehabt zu haben. Eine Zeugin hatte sich gefunden, die in ihm jenen Mann zu erkennen glaubte, der auf einem Überwachungsvideo aus dem Parkhaus zu sehen war und der möglicherweise das Kind getötet hatte.

„Neue Fakten“ hätten den jungen Mann entlastet, hatte der Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck in Emden am Freitag gesagt. Nun ist der Berufsschüler wieder frei. Aber ist er es wirklich? Welche Schäden er, selbst fast noch ein Kind, erlitten hat in den zurückliegenden Tagen, ist schwer zu messen. Drei Tage in Haft, haltlose Unterstellungen und stundenlange Verhöre werden Spuren hinterlassen. Die Psychologen, die ihn nun betreuen, werden heilen, was zu heilen ist. Vielleicht.

Der mutmaßliche Täter, hieß es wenig später, habe kein Alibi. Er habe zwar bei seiner Vernehmung Aussagen gemacht, sich dabei aber in Widersprüche verwickelt. Wird er, über den solche Dinge gesagt wurden, je wieder ein normales Leben in seiner Nachbarschaft, in seiner Schule und mit seinen Freunden führen können?

Sogar die Einführung der Todesstrafe wurde gefordert

Strafrechtler wissen, dass Unschuldige sich oft in Widersprüche verstricken, wenn sie von der Polizei hart vernommen werden. Gerade sie neigen unter dem Druck, sich entlasten zu wollen, dazu zu übertreiben. Die Angst und der Druck bringen sie nicht selten dazu, Alibis zu erfinden. „Es passiert darum sehr oft, dass Verdächtige kein Alibi haben. Das darf sie nicht belasten“, sagt der Berliner Strafrechtsprofessor Martin Heger im Gespräch mit Morgenpost Online.

Bemerkenswert war die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Festnahme des vermeintlich Verdächtigen. Es ist nicht unüblich, dass die Menschen bei Kindesmissbrauch und Kindesmord emotional reagieren. Immer wieder ist danach der Ruf nach der Einführung der Todesstrafe zu vernehmen – eine Forderung, mit der auch rechtsradikale Parteien Sympathien erwecken. Die öffentliche Reaktion war in diesem Fall jedoch brutaler als üblich – vielleicht, weil Emden mit seinen 52.000 Einwohnern so klein, so beschaulich wirkt. Eine Stadt, in der jeder jeden kennt.

Der vermeintliche Täter war in den Augen breiter Teile der Öffentlichkeit der sichere Täter. Es kam zu Tumulten. Jeder in der kleinen ostfriesischen Stadt wusste, wer der „17-jährige Berufsschüler“ war. Man wusste, wie er hieß und wo er wohnte. Fotos seiner Wohnung kursierten. Die Unschuldsvermutung, unter der jeder Verdächtige zu stehen hat und unter der nach Bekunden der Staatsanwaltschaft auch dieser mögliche Täter gestanden hat – sie schien faktisch ausgeschaltet zu sein.

Höhepunkt der allgemeinen und unter den Umständen auch verständlichen Erregung war ein Aufruf auf der Internetplattform Facebook, der in der Forderung mündete, den jungen Mann zu lynchen.

Die Polizei ist nun in die Situation geraden, dass sie den Mann, an dessen Vorverurteilung sie nicht unbeteiligt gewesen ist, verteidigen muss. Die Gewerkschaft der Polizei hat sich im Angesicht dieser Entwicklung für harte Strafen ausgesprochen – diesmal an die Adresse der Aufwiegler.

Solche Auswirkungen der Dämonisierung von Männern und Jungen treffen also nicht nur Kachelmann und Strauss-Kahn als Promis, sondern eben auch Berufsschüler.

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