Wie gegen die aktuelle Debatte über die Benachteiligung von Jungen vorgegangen werden soll.

Manchmal ist Twitter einfach klasse. So wird man schnell informiert! Die “neuen Wege für Jungs” twitterten im Laufe des Tages einen Link der GEW-Bayern, den ich hier wirklich niemandem vorenthalten möchte.
Geschrieben hat das “münchener Fachforum für Mädchenarbeit” : Bereits der zweite Satz lässt im Duktus erkennen, WER die wirklich Benachteiligten sind Doch nun will ich niemanden mehr auf die Folter spannen und gebe aus Gründen der Nachvollziehbarkeit erstmals einen kompletten Text hier wieder:
Stellungnahme zur Debatte um Jungen als Bildungsverlierer und als das benachteiligte Geschlecht sowie ihre Auswirkungen auf die Mädchenpolitik
Seit einigen Jahren werden Jungen in den Medien als Bildungsverlierer und als das benachteiligte Geschlecht präsentiert, als diejenigen, die lange vernachlässigt wurden und um die man sich jetzt vor allem kümmern muss. Die Benachteiligungen von Mädchen geraten aus dem Blick oder werden verdrängt. Hier wird eine Benachteiligungskonkurrenz geschaffen, die stark polarisiert, in der es nur ein Geschlecht geben darf, dass benachteiligt ist, ein „Entweder-oder“ und nicht ein „Sowohl-als-auch“. Diese Diskussion verhindert den differenzierten Blick auf die Situation beider Geschlechter und die möglichen Ursachen dafür.
Sie wird dem Leid von Jungen nicht gerecht, dessen Ursachen auch in den traditionellen Männlichkeitserwartungen liegen, die an Jungen gestellt werden. Für Mädchen wie für Jungen entstehen Benachteiligungen und Probleme, wenn sie mit einschränkenden
Rollenerwartungen konfrontiert werden und ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft versagt ist. Positiv an der Debatte ist, dass Probleme von Jungen verstärkt wahrgenommen werden.
In dieser Stellungnahme werden einige der vorherrschenden Aussagen aufgegriffen, die häufig zu lesen und zu hören sind. Auch in der Politik und in der Jugendhilfe sind sie verbreitet und führen häufig zu falschen Schlussfolgerungen und zu erfolglosen und vor allem Mädchen und Frauen diskriminierenden Strategieüberlegungen. Das Münchner Fachforum für Mädchenarbeit wird im Folgenden einige davon benennen und kritisch beleuchten sowie  eigene Thesen dazu vorstellen. Sechs Forderungen bzw. Appelle am Ende sollen fruchtbare Anstöße zu einem geschlechtergerechten Diskurs geben.
Folgende zweifelhafte Aussagen sind im Moment „hoch im Kurs“:
1. Jungen sind in der Schule gegenüber Mädchen benachteiligt, denn sie haben schlechtere Schulabschlüsse. Weibliche  Lehrkräfte scheinen das „starke Geschlecht“ zu benachteiligen.
2. Strategieüberlegungen: Der Anteil von Männern unter den Lehrkräften ist zu erhöhen. Dazu muss sowohl das Prestige wie auch das Einkommen von Lehrern aufgewertet werden.
3. Darüber hinaus sind Jungen durch ihre schlechteren Schulabschlüsse auch auf lange Sicht in der Gesellschaft benachteiligt.
4. Jungen sind inzwischen gegenüber Mädchen sehr benachteiligt, da sich Einrichtungen der Jugendhilfe und Schulen mehr an Mädchen orientieren.
5. Jungen sind aggressiver und gewalttätiger, weil es ihnen an männlichen Vorbildern und Identifikationsfiguren fehlt, da sie vor allem von Frauen betreut werden.
6. Jungen sind benachteiligt, weil ihnen die Ausübung ihres natürlich männlichen Verhaltens verwehrt wird: körperlicher Bewegungsdrang, machtvoll überlegenes Auftreten, männliche Selbstbehauptung, Raum einnehmen, männliche Aggressivität.
1. Kritik an den vorherrschenden Aussagen
1. Jungen sind in der Schule gegenüber Mädchen benachteiligt, denn sie haben schlechtere Schulabschlüsse. Lehrerinnen scheinen also Jungen und Mädchen nicht gleich zu behandeln, sondern das „starke Geschlecht“ zu benachteiligen. Michael Klein, Frankfurter Rundschau, 30.07.2003
Unsere These:
In Studien konnte ein Zusammenhang zwischen dem Medienkonsum von Jungen und ihren Schulnoten festgestellt werden (Mößle 2006, S. 13). Manche Jungs sind vielleicht auch schlechter in der Schule, weil sie weniger lernen und weniger ehrgeizig sind. Ursache dafür scheint unter anderem eine Selbstüberschätzung und frühe Unzufriedenheit in der Schule aufgrund traditioneller Männlichkeitsbilder zu sein. Mädchen sind lernfleißiger, auch da sie oft verunsichert in ihrem Können sind (Nüberlin 2009). Sowohl Mädchen also auch Jungen werden im Schulsystem benachteiligt, wenn ihnen kein reflektiertes Rollenbild angeboten wird (Stichwort: „heimlicher Lehrplan“) und sie nicht auf die Anforderungen einer modernen gleichberechtigten Gesellschaft vorbereitet werden.
2. Der Anteil von Männern unter den Lehrern ist zu erhöhen. Dazu muss sowohl das Prestige wie auch das Einkommen von Lehrern aufgewertet werden und der Beruf  ausschließlich in Vollzeit ausgeübt werden können.  Heike Diefenbach, Frankfurter Rundschau, 30.07.2003
Unsere These:
Jungs sind nicht schlechter in der Schule weil sie von Frauen unterrichtet werden. (siehe vorangehender Punkt). Aus der falschen Problemanalyse folgt eine falsche Strategie, d. h. die verstärkte Einstellung von männlichen Lehrkräften löst das Problem nicht automatisch. Nach der Untersuchung von Pfeiffer und Baier finden Viertklässler sogar ihre Lehrerinnen besser als ihre Lehrer. (http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/lehrerbeurteilungpfeiffer.pdf)
Es reicht nicht aus, den Jungen Männer zur Verfügung zu stellen. Jungen brauchen für ihre Identitätsentwicklung männliche Vorbilder, die alternativ zu traditionellen Männlichkeitsbildern ein erweitertes männliches Rollenverständnis unterstützen und vorleben. Dies befähigt Jungen sich frei zu entwickeln und gleichberechtigte Beziehungen zu Mädchen und Frauen zu leben.
Es ist ein typisches Beispiel für die Geschlechterhierarchie in unserer Gesellschaft, dass eine Aufwertung des Lehrberufes an Grundschulen, den  hauptsächlich Frauen ausüben, erst dann angestrebt wird, wenn Männer dafür gewonnen werden sollen. Zudem wird mit dieser Aussage die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung – Männer sind wichtige Hauptverdiener und Frauen sorgen für Kinder – verfestigt.
3. Jungen sind gesellschaftlich stärker benachteiligt, weil sie schlechtere Schulabschlüsse haben.
Unsere These:
Obwohl Jungen schlechtere Schulabschlüsse haben, sind ihre beruflichen Chancen und Einkommensmöglichkeiten besser als die von Mädchen. Männer verdienen um 1⁄4 mehr und haben überwiegend Vollzeitstellen in gut bezahlten Berufen und somit auch einen einfacheren Zugang zu höheren hierarchischen Positionen. Deshalb ist in diesem Zusammenhang nicht von Benachteiligung sondern eher von Privilegierung zu sprechen.
4. Jungen sind inzwischen mehr benachteiligt als Mädchen, da sich Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und Schule nur noch oder mehr an Mädchen orientieren.
Deshalb muss sich mehr um die Jungs gekümmert werden, denn Mädchen haben in allen Bereichen aufgeholt.
Unsere These:
Erfreulicherweise hat sich die Dominanz der völligen Jungenorientierung in weiten Teilen der Jugendhilfe abgeschwächt. Es haben sich zahlreiche Ansätze mädchen- und geschlechtergerechter Pädagogik entwickelt. Bedauerlich ist, dass dem Fachpersonal zu wenig wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgversprechende genderorientierte Arbeit mit den Jungen zur Verfügung stehen. Auch ist das Fachpersonal oft nicht entsprechend in geschlechtsdifferenzierter Pädagogik geschult. Patriarchatskritische Konzepte für Jungenarbeit und Jungenpädagogik für verschiedene Felder der Jugendhilfe fehlen weitgehend. Diese müssten nicht in Extraeinrichtungen eingeführt – sondern nur in bestehenden Einrichtungen umgesetzt werden.
5. Jungen sind aggressiver und gewalttätiger, weil es ihnen an männlichen Identifikationsfiguren fehlt und sie vor allem von  Frauen betreut werden.
Unsere These:
Bedeutenden Einfluss auf ein aggressives und gewalttätiges Verhalten von Jungen hat das hegemoniale Männlichkeitsbild.  „Gewalt als Konfliktlösungsstrategie, Konkurrenzorientierung und ein starkes Hierarchiedenken sind die Basis dieses Rollenbildes.“  (Konferenzbericht „Junge, welche Rolle spielst Du? Männlichkeitsbilder im Wandel“, Friedrich Ebert Stiftung, 16.06.2009)
Das Erklärungsmodell der hegemonialen Männlichkeit wird in der vorherrschenden  Debatte nicht berücksichtigt. Robert (Raewyn) Conell geht in seinem Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ davon aus, dass sich traditionelle Männlichkeit immer über einen Überlegenheitsanspruch (Hegemonialer Anspruch) definiert. Diese traditionelle Art von Männlichsein konstituiert sich über die Abwertung von Weiblichkeiten und Dominanz über Frauen und durch Gewalt und Ausgrenzung von schwächeren Männlichkeiten. Auch wenn die geschlechtlichen Identifikationsprozesse bei Jungen individuell unterschiedlich verlaufen, müssen sich alle Jungen mit den gesellschaftlich hegemonialen Bildern von Männlichkeit auseinandersetzen und sich dazu positionieren. (vgl. Michael Cremers, Bildungsnetz Berlin, Juni 2009)
Jungen sind aggressiver und gewalttätiger, weil sie mediale und lebende männliche Vorbilder haben, die Aggressivität und Gewalttätigkeit als männliche Eigenschaft vermitteln.
6. Jungen dürfen nicht mehr richtige Männer sein. Sie sind benachteiligt, weil ihnen die Ausübung ihres natürlich männlichen Verhaltens verwehrt wird. (z. B. Körperlicher Bewegungsdrang, machtvoll überlegenes Auftreten, männliche Selbstbehauptung,Raum einnehmen, männliche Aggressivität).
Empfohlene Strategie: Lasst sie Männer sein!
Unsere These:
Biologistische Erklärungsansätze, die Jungen einen Freiraum für Aggressivitätsübungen und Raumeinnahmeverhalten einräumen wollen, sind prognostizierte „Abwehrreaktion auf das nahende Ende des Patriarchats“. Bewegungsdrang und Erfahrungen in Selbstwirksamkeit und Selbstbehauptung sind sowohl Jungen wie Mädchen zu ermöglichen und werden auch von Kindern geschlechtsunabhängig eingefordert. Die geschlechtsabhängige „Erlaubnis“ dazu ist entgegen dem egalitären Geschlechterverhältnis.
2. Auswirkungen
1. Diese Behauptungen stehen einer sachlichen Auseinandersetzung und weitergehenden Analyse zu den Ursachen der schlechteren Schulabschlüsse und Schulnoten von Jungen im Wege.
2. Die Benachteiligungen von Mädchen in der Schule und auch in anderen Bereichen der Jugendhilfe und Gesellschaft werden durch diese Behauptungen verdeckt.
Benachteiligungen von Mädchen in der Schule können z. B. sein: Ein „heimlicher Lehrplan“, durch den Rollenstereotype verstärkt werden; ungehinderte Interaktionen zwischen Mädchen und Jungen in den traditionellen Geschlechterinszenierungen von Dominanz und Nachrangigkeit/Unterordnung; Mädchen beziehen weniger Selbstwert aufgrund ihrer Fähigkeiten.
3. Es wird die Tendenz gefördert, die schlechten Schulleistungen von Jungen den Lehrerinnen und damit den Frauen“ in die Schuhe zu schieben“. Erziehungsleistungen und –fähigkeiten von Pädagoginnen, die sich um die Erziehung von Jungen kümmern, werden dadurch abgewertet.
4. Formulieren Fachfrauen mädchenpolitische und mädchengerechte Bedarfe, werden diese häufig in Frage gestellt mit  Behauptungen, wie: „Die Mädchen haben die Jungs längst überholt“ oder „Die haben es nicht mehr nötig“. Damit wird die Notwendigkeit von mädchenspezifischen Ansätzen abgewiesen und es entsteht ein erhöhter Legitimationsdruck für die Mädchenarbeit.
5. Die durch diese Debatten „verdeckte“ Benachteiligung bzw. hohe Anstrengung der Mädchen wird gesellschaftlich und durch sie selbst ausgeblendet. Dies kann dazu führen, dass Mädchen ein Scheitern oder ein “Sich-überfordert-fühlen” auf sich selbst zurückführen und dies dann nicht mehr ansprechen. Sogenannte „Backlash“-Tendenzen zweifeln die Errungenschaften der Gleichberechtigung an und betonen eine Benachteiligung von Männern in  polemischer und Frauen diskriminierender Weise (Focus 09/2009).
6. Männliche Fachkräfte werden aufgefordert, sich mit Jungen und Jungenarbeit zu befassen und Frauen sind zwangsläufig daran interessiert, da sie überwiegend mit Jungen arbeiten. Die Einsicht in die Notwendigkeit und somit auch die Nachfrage nach grundlegender Qualifizierung für die Mädchenarbeit ist daher stark rückläufig. Qualifizierungen für die Jungenarbeit haben meist Schwerpunkte in der Gewaltprävention, dies wird den multikomplexen Lebenslagen und Anforderungen an die Jungen nicht gerecht. Die geschlechterreflektierte Koedukation ist noch nicht flächendeckend umgesetzt worden und damit auch nicht das positive Übungsfeld für Geschlechterbeziehungen in der Gleichwertigkeit.
3. Forderungen und Appelle
1. Jungen brauchen eine Jungenarbeit, die die Probleme der Jungen aufgreift und sie in das Hineinwachsen in eine selbstbewusste und vielfältige Männlichkeit – ohne hegemoniale Ansprüche – begleitet. Dazu brauchen sie auch Männer als ein reflektiertes Gegenüber!
2. Es sind wissenschaftliche Untersuchungen nötig, die die Ursachen von schlechteren Schulleistungen oder von Gewalthandlungen von Jungen erforschen – und zwar auch unter Berücksichtigung von geschlechtsspezifischen Aspekten, wie u. a. des Aspekts der hegemonialen Männlichkeit!
3. Jungen und Mädchen brauchen Unterstützung bei der Bewältigung ihrer geschlechtsbezogenen Probleme. Es muss die Regel und nicht die Ausnahme sein, dass in der Aus- und Weiterbildung der Fachkräfte geschlechtsdifferenziertes Hintergrundwissen und entsprechende geschlechtsbezogene Handlungskompetenzen erworben werden  können!
4. Genderbudgeting führt zu differenzierter Betrachtung von Bedarfen und der geschlechtergerechten Aufteilung von Ressourcen.
5. Geschlechtergerechte Pädagogik bleibt ein selbstverständliches Querschnittsthema. Die Sicht auf beide Geschlechter – auf ihre spezifischen Lebenslagen und ihre gesellschaftliche Teilhabe – gehört zu den Standardaufgaben in allen Bereichen der Jugendhilfe. Zur Entwicklung von gleichberechtigten Individuen in einer gleichberechtigten Gesellschaft tragen drei Bausteine bei, die untereinander nicht zu ersetzen sind: Jungenarbeit, Mädchenarbeit und geschlechtsreflektierte Koedukation.
6. Es darf keine Benachteiligungskonkurrenz zwischen Mädchen und Jungen geschürt werden! Es muss differenziert betrachtet werden, welche Benachteiligungen aufgrund des Junge- oder Mädchenseins nach wie vor oder neu vorhanden sind.

Und was lerne ich jetzt daraus? Hm. Ich muss mich schon sehr anstrengen, in diesem Schriftsatz auch nur annähernd und im Ansatz jene Offenheit für wiedersprüchliche und ebenso zahlreiche Forschungserbebnisse zu finden, die von Kritikern wie uns durch die oben genannten Appelle  eingefordert wird. Könnte es vielleicht sein, dass hier einfach Angst im Spiel ist, langjährige Sponsoren-Automatismen ggf. in Zukunft verlieren zu können?

Geht es vielleicht nicht erneut nur darum, auf dem “wirklichen und endgültig alleinigen Opferstatus” beharren zu wollen?

Allein einen solch differenzierten Artikel wie den im Fokus 09/2009 als “Backslash-Ideologie” zu bezeichnen, spricht ob der gewählten Quellangaben,  auf die sich die Verfasserinnen in ihren “Thesen” berufen, wahrlich Bände.

Ich musste die ganze Zeit beim Lesen daran denken, wie man unter Jungen auf eine solche Lamentiererei  wohl reagieren würde. Warscheinlich mit einem “Na, heult doch nicht so rum!”

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