Noch nie habe sich ein beschnittener Mann an ihn gewendet, weil ihm Unrecht widerfahren sei. (J.Montag, rechtspolitischer Sprecher der Grünen)

Jahr für Jahr werden in Deutschland jüdische und muslimische Knaben dem Ritual der Beschneidung unterzogen. Es ist eine weithin akzeptierte religiöse Praxis. Dass es auch ein Akt der Gewalt gegen Kinder ist, wird dabei ausgeblendet.

So beginnt ein in Gänze lesenswerter Artikel in der Faz, der sich des Themas Genitalverstümmelung von Männern und Jungen  annimmt. Besonders interessiert war ich an diesem Absatz, der unter anderem die angeblich liberale Sicht von grünen Männern auf die Verstümmelung von Jungen und Männer beleuchtet…

(c) Donaukurier, Jerzey Montag

Zwischen Recht und Religionsfreiheit

Die Politik tut sich derweil schwer mit der Beschneidung. Aus der Union-Bundestagsfraktion heißt es lustlos, das Thema sei „zweifelsohne“ ein wichtiges, und es sei auch „andiskutiert“ worden. Eine Fraktionsmeinung gebe es aber nicht.

Pascal Kober ist Menschenrechtsexperte der FDP. Als Politiker, sagt er, müsse er abwägen zwischen dem Recht auf Religionsfreiheit und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit. Der Staat gibt der Religionsfreiheit den Vorrang und nimmt sich in seiner Schutzfunktion zurück. Die Folgen der Beschneidung seien als „nicht so gravierend“ anzusehen. Und er gibt zu bedenken, welche Folgen ein Verbot der rituellen Beschneidungen für die Knaben hätte. Es käme dann zu einem „Beschneidungstourismus“, der die Gefahr mit sich brächte, dass „die Knaben nicht unter optimalen Bedingungen und von medizinisch unzureichend geschulten Personen beschnitten würden“.

Der religionspolitische Sprecher der Partei Die Linke, Raju Sharma, ist hingegen nicht bereit, der Gruppe und der kulturellen Tradition Vorrang vor dem Recht des Einzelnen zuzubilligen. Er sieht die rituelle Beschneidung als Körperverletzung. „Es gibt ja das Elternrecht auf religiöse Erziehung des Kindes und das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Dieses Recht wird bei der Beschneidung eines unmündigen Knaben verletzt.“ Die Eltern meinten es sicherlich gut. Aber es werde „einem gesunden Menschen ein gesunder Teil seines Körpers entfernt“. Der Sprecher der Arbeitsgruppe Menschenrechte im Bundestag, der SPD-Abgeordnete Christoph Strässer, sagt auch, dass „die Beschneidung von Knaben das Recht auf körperliche Unversehrtheit“ verletze. Er unterstellt aber „positive gesundheitliche Auswirkungen der Beschneidung“ und ist sich darum sicher, dass die Eltern zum Wohle ihrer Söhne handeln. Eine rein religiös oder kulturell begründete Beschneidung hält er zumindest für „fragwürdig“.

„Kein Unrecht“

Jerzy Montag hält von solchen Abwägungen nichts. Der rechtspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen empfindet es als absurd, dass dieses Thema überhaupt Beachtung findet. Die Beschneidung sei „seit Jahrtausenden eingeübt“, werde „nicht ernsthaft hinterfragt“ und es geschehe „niemandem ein Unrecht“. Deswegen gebe es „also überhaupt keine Notwendigkeit“, gesetzliche Regelungen zu finden. Noch nie habe sich ein beschnittener Mann an ihn gewendet, weil ihm Unrecht widerfahren sei.

Diese Männer gibt es aber. Der israelische Filmemacher Ari Libarski zeigt in seinem Dokumentarfilm „Circumcision“ etwa einen jungen Mann, der verzweifelt darüber ist, dass er kein normales Geschlechtsleben führen kann, weil ihm als Kind zu viel Haut weggeschnitten wurde. Libarski zeigt auch Eltern, die mit sich hadern, weil sie dem sozialen Druck nachgegeben haben und ihren Neugeborenen haben beschneiden lassen. Urologen und Kinderchirurgen wie Schier können von vielen Fällen berichten, wo der Schnitt schwerwiegende Folgen hatte.

Verknotete Sexualmoral

Beschnitten werden aber nicht nur jüdische und muslimische Knaben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass 30 Prozent der Männer weltweit beschnitten sind. Knapp 70 Prozent davon sind Muslime, ein knappes Prozent Juden, und fast 13 Prozent sind diesen Konfessionen nicht zugehörige amerikanische Männer. Die sind zumeist im Neugeborenenalter beschnitten worden, meist ohne Betäubung. In den Vereinigten Staaten, so die WHO, sind demnach 75 Prozent aller Männer beschnitten, und zwar aus hygienischen und gesundheitspräventiven Gründen.

Dabei lohnt es sich, die Ursprünge der amerikanischen Beschneidungspraxis zu betrachten. Die liegen nämlich in einer verknoteten Sexualmoral, zu deren eifrigsten Propagandisten im 19. Jahrhundert der Erfinder der Cornflakes, John Harvey Kellogg, zählte. Für Kellogg war die Beschneidung von Knaben ein Mittel gegen Masturbation. Die Operation sollte ohne Betäubung vorgenommen werden, „weil der kurze Schmerz einen heilsamen Effekt hat“.

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Kommentare

  1. Mario Lichtenheldt meint:

    Wie immer und überall windet sich der deutsche Politiker, um nur ja niemals irgendeine Verantwortung übernehmen zu müssen. Immer schön unverbindlich bleiben!

    Aber zur Sache:

    Religion kann und darf sich nicht im rechtsfreien Raum bewegen. Genau das tut sie aber – mit Billigung von Politik und Justiz. Ich sehe für diese Art falsch verstandener Toleranz weder eine Notwendigkeit, noch eine Entschuldigung.

    Zwei Kleinigkeiten übersieht der Beitrag:

    In Amerika (USA) dient die Beschneidung Neugeborener keineswegs vorrangig hygienischen oder gesundheitlichen Zwecken. Die Vorhäute der Neugeborenen sind vielmehr ein profitables Geschäft für die Kosmetikindustrie, die daraus Anti-Falten-Creme produziert sowie für die Pharmaindustrie, die das Gewebe als Ausgangsmaterial für Kunsthautprodukte verwendet. Hintergrund dort also – wenn wundert’s – sind DOLLARS! Der Rest, sprich: das ganze Gerede von Hygiene, AIDS-Prävention und Ästhetik ist Makulatur.

    Religionsfreiheit:

    Natürlich besteht in Deutschland Religionsfreiheit. Allerdings geht es hier um die Religionsfreiheit DES KINDES – und DIE wird mit der Beschneidung nicht ausgeübt, sondern UNMÖGLICH GEMACHT!

    Religionsfreiheit heißt nämlich zuvorderst, dass jeder Mensch seine Religion frei wählen oder Religion auch gänzlich ablehnen kann. Den betroffenen Jungen wird dies vorenthalten – und zwar vorsätzlich.

    Nicht die Kritik an der Beschneidung, sondern die Beschneidung selbst verstößt also gegen das Recht auf Religionsfreiheit!

    Dass sie ferner gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit verstößt, versteht sich von selbst.

    Der Verstoß gegen beide Rechte ist in Deutschland strafbewehrt, woraus folgt, dass Eltern selbstverständlich NICHT das Recht haben, eine Straftat an ihren Kindern zu dulden oder gar zu fördern.

    Artikel 140 Grundgesetz i. V. m. Artikel 136 Reichsverfassung v. 11.8.1919 als fortgeltendes Recht regelt klar, dass Religionsfreiheit niemals zur Einschränkung anderer Grundrechte führen darf und (Abs. 4), dass niemand zu einer religiösen Handlung gezwungen werden darf.

    Folgen all dessen:

    Pflicht zur Strafverfolgung, Recht des Kindes auf Schadenersatz, Schmerzensgeld und Ersatz aller Folgekosten, Recht der Krankenkassen auf Schadenersatz, ggf. Mitschuld Dritter wegen Nichtanzeige einer Straftat, berufsrechtliche Konsequenzen für Ärzte.

    Angst vor „Beschneidungstourismus“. Traurig, aber begründet! Aber dennoch kein Grund, innerhalb von Deutschland Recht einfach nicht anzuwenden! Auch hier wieder der Versuch der Politik, sich aus der Verantwortung zu schleichen.

    Es geht um UNSERE Kinder! Ein Lehrer, der einem Kind in den Schritt fasst, fliegt und wandert ggf. hinter Gitter. Und hier sind Genitalverletzungen der übelsten Sorte unter dem Deckmantel der Religion plötzlich tolerierbar?

    Mal drüber nachdenken, dann wird der Irrsinn bewusster.

    Und die Beschwerden der Jungen und Männer, denen durch die Beschneidung Unrecht geschehen ist – die gibt es durchaus. Deutsche Gerichte haben sich durchaus schon mit dem Thema befassen müssen – und sie werden es in Zukunft wohl noch deutlich öfter tun.

    Auch die Krankenkassen werden sich fragen lassen müssen, weshalb die Solidargemeinschaft, sprich: der Beitragszahler in Deutschland in einem immer unerträglicher werdendem Maße belastet wird, andererseits aber massenhaft sinnlose Operationen an Kindern durchgeführt werden.

    • ohmannohjens meint:

      “Ein Ohrloch ist weit sichtbarer als eine freiliegende Glans Penis

      Dennoch lassen viele Eltern in Deutschland diese Maßnahme an ihren kleinen Töchtern vornehmen. Weltanschaulich neutral ist das Ohrlochstechen natürlich ebenfalls nicht: Wer seiner dreijährigen Tochter unbedingt ein Steckerchen im Ohr verpassen will, der verbindet damit meist ein ganz bestimmtes Geschlechterbild.

      Ein Argument der körperlichen Unversehrtheit müsste also das Stechen von Ohrlöchern viel eher als die Beschneidung treffen, ein Argument der Selbstbestimmung über am Körper getragene weltanschauliche Symbole ebenso, denn das Ohrloch ist weit sichtbarer als eine freiliegende Glans Penis.”

      Quelle:http://www.heise.de/tp/artikel/37/37170/1.html

      …und warum werden die meisten Jungs vor der Geschlechtsreife beschnitten? Damit sie nie den Unterschied, mit und ohne Vorhaut, kennen lernen können. Und möglicher Weise, die Eltern, Religionsgemeinschaften usw., dann nicht mit Vorwürfen und anderen unangenehmen Aktionen überschütten, wenn sie erkennen, welchen Verlust sie tatsächlich erleiden mussten: Was man/n nicht kennt, dass vermisst man/n nicht und macht zahm….das ist allerdings nur meine persönliche Meinung dazu. Das Hinterfragen an verschiedenen “Beschneidungs- Interessen- Verbänden” ergaben keine objektive- bis meistens gar keine- Antworten…..

      • ohmannohjens meint:

        Nachtrag:

        “We are a group of educated and enlightened Jews who realize that the barbaric, primitive, torturous, and mutilating practice of circumcision has no place in modern Judaism.

        Rabbi Moses Maimonides himself acknowledged that circumcision is done to desensitize the penis and curb masturbation.

        Jews are some of the smartest people in the world. We are 1/3rd of 1% of the population, yet we hold 33% of Nobel prizes. We are smart enough to understand that mutilating a little boys’ penis is not an acceptable practice in modern times.

        SAN FRANCISCO BALLOT MEASURE TO BAN CIRCUMCISION

        A current ballot measure in San Francisco seeks to ban circumcision with no religious exception. Many people have called this ballot anti-semitic and anti-muslim. This is simply not true. All babies deserve genital integrity and autonomy over their bodies. No one has the right to make a decision for a child to alter his body for non-medical reasons, including religion. Religous Freedom does not give one the right to mutilate someone elses’s body, even if that person is their child. Parents only have the right to make medically valid decisions for their minor child, like a tonsillectomy or appendectomy. Circumcision is not medically valid.

        FORESKIN MAN

        Yes, this is a horrible comic. The comic is anti-semitic and anti-muslim and the author displayed incredibly poor judgement by releasing it. We do not defend this comic although he is entitled to Freedom of Press and Freedom to Protest, even when it’s offensive. Despite him having poor judgement on the comic issue, he is still right in his law to protect babies.”

        Weiterlesen: http://www.jewsagainstcircumcision.org/

  2. Aventin meint:

    Die Seite http://www.pflegewiki.de/wiki/Komplikationen_der_Beschneidung
    Wurde mehrfacht versucht zu löschen. (Versionsgeschichte)

    Soweit gehen die Verstümmelungsfreunde!

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  1. Sind Grüne genitalverstümmelt? « FemokratieBlog sagt:

    [...] Leon Woczelka von WebJungs hat dazu ebenfalls einen sehr treffenden Kommentar geschrieben. WebJungs [...]

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