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"Na dann: Husten Sie mal, (während ich Ihnen an den Hodensack fasse)"
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BenutzerBeitrag

11:19
22.09.10


Leon Woczelka

Admin

Beiträge 146

Nico Riebel, der Initiator der Initiative "Musterung mit Würde" bat uns, hier einen Artikel über die Geschichte der Musterung, und der damit verbundenen unwürdigen Behandlung von Männern, zu veröffentlichen.

Werden Frauen gemustert so werden natürlich "intimitätschützende" Möglichkeiten der Untersuchungen gewählt. Doch für die anderen -also dieses komische Kruppzeuch: Männer – gelten solcherlei Grundsätze einer würdevollen und respektierenden Haltung natürlich nicht.

Interessant ist die jetztige Haltung von Herrn zu Guttenberg, betrachtet man die Tatsachen über das Engagement seiner Ehefrau

Hier der Hintergrundbericht:

… und bitte Husten! – Ein Tabuthema

Die Geschichte der Musterungen in Deutschland / Beim Abtasten des Hodensacks muss der Mann für die Feststellung von möglicherweise durch einen Leistenbruch in den Hodensack gewanderten Darmschlingen husten.

In der ganzen Zeit seit des Bestehens der Wehrpflicht hatten die jungen Männer Angst vor der Musterung und sind am Tag ihrer Musterung oft mit einem schlechten Gefühl aufgestanden. Die einen wollten nicht ausgemustert werden und sehr viele andere haben gerade darauf gehofft. So hatte jeder Angst vor dem Ergebnis, denn dies entscheidet bisher über einen längeren Lebensabschnitt eines jungen Mannes. Doch besondere Angst hatten und haben sehr viele auch vor der Intimuntersuchung, von der viele schon aus ihrem Umfeld gehört hatten oder heute auch viele im Internet lesen können. Zu den den Intimbereich betreffenden Untersuchungen, die in der Zentralen Dienstverordnung (ZDv) 46/1 der Bundeswehr, welche den Ablauf der Musterung regelt, zu finden sind, sind das Abtasten der Leistenregion, Leistebeuge, Hodensack und Hoden, das Zurückziehen der Vorhaut und das Begutachten der analen Region. Insbesondere das Zurückziehen der Vorhaut und das Begutachten der analen Region sind als Indikator zur Feststellung der Tauglichkeit umstritten und werden nach der Schilderung junger Männer nicht von allen Ärzten in den Kreiswehrersatzämtern durchgeführt. Das Zurückziehen der Vorhaut soll vor allem zur Festestellung von Geschlechtskrankheiten dienen, um die Streitkräfte vor einer möglichen Infektion zu schützen. Beim Begutachten der analen Region wird nach die Wehrdienstfähigkeit eher weniger beeinträchtigenden Hämorrhoiden Ausschau gehalten.

Bis zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts war die Gruppenuntersuchung bei den Musterungen in deutschen Kreiswehrersatzämtern durchaus üblich.

Hier sollen jedoch hauptsächlich die Musterungsgeschichte in den letzten 20 Jahren betrachtet werden. Jedes Kreiswehrersatzamt gestaltet die Rahmenbedingungen und die Abläufe der Musterungen etwas anders.

Es war in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts in den Kreiswehrersatzämtern üblich, dass die jungen Männer nur mit Unterhose und Badeschlappen, die sie laut Musterungsbescheid mitbringen sollten, bekleidet von Zimmer zu Zimmer und von Untersuchung zu Untersuchung bzw. Test/Erprobung zogen. In diesem Zustand kam sie fast nur mit weiblichem Personal in Kontakt.

Ab Januar 2001 durften auch Frauen den Dienst an der Waffe leisten und der allgemeine Ablauf der Musterung wurde reformiert. Diese Reform der Bundeswehr galt auch für die Wehrpflichtigen. So werden das Eingangsgespräch am Anfang der Musterung und der psychologische Leistungstest am PC heute in normaler Kleidung, die der Proband trägt, durchgeführt. Der restliche Ablauf ist je nach Kreiswehrersatzamt verschieden. In einigen Ämtern trägt der der junge Mann statt nur einer Unterhose eine Badehose oder eine kurze Sporthose, die er mitbringen sollte. Teilweise darf er zusätzlich noch ein T-Shirt tragen. In vielen Kreiswehrersatzämtern wird alles in normaler Kleidung abgewickelt und er zieht sich erst vor der eigentlichen ärztlichen Untersuchung bis auf die Unterhose aus. So kommt der junge Mann, vielleicht ist er gar erst siebzehn und somit noch minderjährig, fast völlig ausgezogen mit ihm völlig fremden Menschen in Kontakt. Ein Arzt, meist aber eine Ärztin, und eine Schreiberin warten für die eigentliche ärztliche Untersuchung schon auf ihn. Er steht jetzt vor diesen Menschen ziemlich entkleidet, bevor er überhaupt mit ihnen sprechen konnte. So wird mit dem wenig bekleideten jungen Mann, u.a. eine Leistungserprobung mit Kniebeugen bzw. Liegestützen durchgeführt, bevor es überhaupt zur eigentlichen körperlichen Untersuchung kommt.

Teil dieser körperlichen Untersuchung ist auch eine Intimuntersuchung. Musste der Mann schon bis auf die Unterhose entkleidet oder nur in Badehose bei der Ärztin erscheinen, muss er hierzu mit heruntergelassener Unterhose bzw. Badehose völlig nackt vor dieser stehen.

Jeder Mensch hat jedoch seine Privatsphäre, die ihm von Natur aus gegeben ist. Die Privatsphäre ist ein Kreis mit dem Radius einer Armlänge um uns herum. Dringt jemand Fremdes oder Unsympathisches in diesen Kreis ein, fühlen wir uns unwohl. Aber das lässt sich nicht immer meiden. Im Zug beispielsweise stehen ständig Menschen in diesem Kreis. Am Liebsten würden wir dann fliehen.

Bei der Untersuchung, auch bei der Intimuntersuchung, lässt sich das auch nicht meiden. So sollte wenigstens immer eine Körperregion bedeckt sein und der Mann sollte somit während der Intimuntersuchung ein T-Shirt tragen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich die untersuchte Person bedrängt fühlt und dies trifft besonders auf Männer, da sich ihre Fortpflanzungs- und Geschlechtsorgane relativ ungeschützt außen am Körper befinden, zu. Vor allem junge Männer mit einem geringen Selbstwertgefühl und einem schwachen Selbstbewusstsein werden dadurch getroffen.

Die 2008 gegründete BASTA-Kampagne (http://www.musterung.us) nennt sich selbst eine Kampagne gegen die Erniedrigung bei der Musterung. Sie sprach mit vielen Männern über ihre Musterung und befragte auch schon junge Männer vor dem Kreiswehrersatzamt direkt nach ihrer Musterung. Die Kampagne spricht von schrecklichen Erkenntnissen. Viele junge Männer gaben dem oben beschriebenen Vorgang ähnliche Situationen an. Sehr viele gaben leider sogar an, dass die Intimuntersuchung nicht hinter einer Trennwand, sondern vor den Augen der Schreiberin, durchgeführt worden sei. Ein Sichtschutz ist eigentlich in jedem Kreiswehrersatzamt vorhanden, dessen Verwendung ist jedoch nicht explizit in der ZDv 46/1 der Bundeswehr vorgeschrieben.

Die Wehrpflicht soll dem Wohle und Schutz der Allgemeinheit dienen und dies steht vor dem Wohl des Einzelnen, deshalb werden auch die Rechte auf Freiheit und körperliche Unversehrtheit des Artikels 2 Abs. 2 des deutschen Grundgesetzes (GG) durch das Wehrpflichtgesetz für die Wehrpflichtigen beschränkt. Jedoch ist es fragwürdig, wie speziell diese rabiate Durchführung der Musterung dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll. Eher ist das Gegenteil der Fall, da junge Männer so das Gefühl bekommen, dass der Staat und seine Gesellschaft nicht nur nicht für sie da sind, sondern ihnen schlechtes tun. Das kann dauerhaft das Engagement junger Männer für unsere Gesellschaft hemmen.

Im Gegensatz zu dem Art. 2 Abs. 2 GG, ist der die Würde schützende Art. 1 GG und der die Persönlichkeit und die Persönlichkeitsentwicklung schützende Art. 2 Abs. 1 GG nicht beschränkt. Somit ist die Intimuntersuchung immer hinter Sichtschutz durchzuführen und der junge Mann hat das Recht die Rahmenbedingungen einer solchen Untersuchung, wie die Durchführung durch einen gleichgeschlechtlichen Arzt, zu benennen. Der bereits weggefallene § 45 Abs. 1 Nr. 2 des Wehrpflichtgesetzes besagte, dass es sich bei dem Verweigern der ärztlichen Untersuchungen oder Teilen davon um eine Ordnungswidrigkeit handelt, für die vom Kreiswehrersatzamt eine Strafgebühr erhoben werden kann und so war in den Augen vieler fälschlicherweise klar, dass auch die Intimuntersuchung Pflicht ist. Dem ist jedoch nicht so. Es würde die Würde des Menschen verletzen, wenn er als unschuldiger Bürger per Gesetz dazu genötigt werden dürfte, sich vor fremden Menschen vollständig auszuziehen. So war auch der vermeintliche Zwang für viele schlimmer als die Untersuchung selbst. Zudem ist das ein starker Eingriff in die Intimsphäre und somit auch in die Persönlichkeit. Demnach kann er diese Untersuchung nach Art. 1 GG und Art. 2 Abs .1 GG verweigern.

Der junge Mann wird vor der Musterung von der Bundeswehr nicht über seine Rechte informiert. Es gibt auch kein Gesetz, welches die Bundeswehr dazu verpflichtet. Somit haben sich einfache Bürger entschlossen dies zu tun und haben die relativ junge Initiative Musterung mit Würde gegründet. Diese Initiative hat neuerdings hierfür Gruppen bei facebook.com, schuelerVZ.net und studiVZ.net gegründet und Artikel auf verschiedenen Internetplattformen veröffentlich, wie bei http://webjungs.de, die sich für die Rechte junger Männer einsetzen.

Für viele Männer ist die Musterung ein Tabuthema, denn hierbei handelt es sich um eine Untersuchung zu der Mann verpflichtet ist und die nicht dem eigenen Wohl, sondern nur der Leistungsfeststellung dient. Bei vielen wurde und wird bis heute insbesondere durch die Intimuntersuchung die Schamgrenze überschritten. Vor allem in den 90ern wurden durch das gemeinsame Warten frierender und verängstigter, junger und nur mit Unterhose bekleideten Männer, sehr oft das Schamgefühl verletzt und es scheint so, als ob hier die moralischen Grenzen eines Rechtsstaates zur damaligen Zeit weit überschritten wurden.

Für Karl-Theodor zu Guttenberg steht bei dem Versuch die Wehrpflicht und die Musterung auszusetzen vielmehr die finanzielle Situation im Vordergrund, als das menschliche Befinden. Gelingt ihm sein Vorhaben, werden trotzdem viele junge Männer, die kurz vor der Musterung stehen, erleichtert aufatmen.

Frauen, die sich freiwillig bei der Bundeswehr bewerben, hatten bisher bereits andere Musterungsbedingungen als Männer, die nun mal alle erst einmal der Wehrpflicht unterliegen. So werden Frauen grundsätzlich nur von gleichgeschlechtlichem medizinischem Personal gemustert. Die Intimuntersuchung ist von der Musterung ausgenommen und wird bei einer Gynäkologin / einem Gynäkologen nach eigener Wahl durchgeführt. Wenn der Mann sowieso nicht mehr einfach zur Musterung muss und der Dienst freiwillig ist, muss die Bundeswehr vielleicht auch für den Mann die Musterungsbedingungen verbessern, damit sichergestellt ist, dass sich ausreichend Bewerber finden lassen. Auf jeden Fall bieten solch große Veränderungen eine gute Möglichkeit richtig aufzuräumen.


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