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Familientherapeut Jesper Juul über "die Eltern"
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BenutzerBeitrag

13:45
11.05.10


Leon Woczelka

Admin

Beiträge 138

ZEITmagazin: Ist nicht ein neuer Vatertyp entstanden, der eben so nicht mehr denkt und redet?

Juul: Das stimmt. Es gibt jetzt zum ersten Mal Väter, die sich selbst definieren, aber sie haben keine oder wenige Vorbilder. Lange gab es die abwesenden Väter, dann kamen die Väter, die schlechte Kopien ihrer Frauen waren, was auch nicht geht, besonders für die Jungen nicht. Es wird dauern, bis sich der neue Vater entwickelt hat, besonders in Deutschland. Wenn ich mit einer Gruppe in Skandinavien arbeite, dann stellen die Frauen sich so vor: Ich bin Sabine, wir haben drei Kinder. In Deutschland und Österreich sagen sie: Ich habe drei Kinder. Eine Form von Resignation.

ZEITmagazin: Ihre Beschreibung trifft vermutlich eher auf das Land zu als auf die Stadt – es hat sich in Deutschland schon einiges verändert in den letzten Jahren. Der Ehrgeiz der Politik richtet sich ja gerade darauf, Müttern ein Berufsleben zu ermöglichen – was bedeutet, dass mehr Kinder fremdbetreut werden. Was ist daran so schlimm, ein Kind in die Krippe zu geben?

Juul: Dänische Forschungen haben ergeben, dass es bis zum Alter von zwei Jahren tatsächlich bei 15 bis 20 Prozent der Kinder schädlich für das Gehirn ist – der Stress der Trennungsangst greift es an. Ich würde das, wenn ich Vater eines kleinen Kindes wäre, nicht riskieren, es sei denn, ich wüsste sicher, dass mein Kind keine Probleme mit Beziehungen zu Erwachsenen und anderen Kindern hat, dass es sich wohlfühlt und fest auf seinen Beinen steht. Mit meinem Enkel, der ein sehr selbstbewusster Junge ist, haben wir das gemacht. Er war im Alter von eins bis drei bei einer Tagesmutter, und es ist sehr gut gegangen. Aber ich frage mich, woher es kommt, dass sich die skandinavischen Schulen Anfang, Mitte der neunziger Jahre plötzlich darüber beklagten, dass die Kinder keine soziale Kompetenz mehr hätten, sie könnten nicht ruhig sitzen, sich nicht konzentrieren. Was war passiert? Zehn Jahre zuvor hatte man begonnen, Kinder zunehmend in pädagogische Zwangsveranstaltungen zu stecken. Erzieher und Pädagogen argumentieren, solche Einrichtungen seien gut fürs soziale Lernen. Aber dafür gibt es kaum Beweise.

ZEITmagazin: Es gibt aber doch Kinder, die ganz sicher besser in einer Kita aufgehoben sind als zu Hause, in einem Umfeld von Gewalt, Desinteresse, Alkohol.

Juul: In Deutschland sind es acht bis zehn Prozent, würde ich sagen – die sollten so wenig Zeit wie möglich mit ihren Eltern verbringen, von Geburt an. Grundsätzlich glaube ich aber, dass Kinder am besten die ersten zwei, zweieinhalb Jahre mit einem oder beiden Elternteilen zu Hause verbringen.

ZEITmagazin: Herr Juul, Sie sagen, Strafen seien Machtmissbrauch. Ist es denn ernsthaft möglich, ein Kind zu erziehen, ohne zu strafen?

Juul: Oh ja! Auch Belohnung, die postmoderne Version von Bestrafung, sollte man verbannen.

ZEITmagazin: Was ist so schädlich an Belohnung? Wir haben ja jetzt nun jahrelang gelernt, man solle sein Kind für gute Dinge belohnen, mit Smileys oder Punkten, was auch immer.

Juul: Überlegen Sie doch mal – würde eine Frau ihrem Mann jedes Mal eine Belohnung geben, wenn er etwas richtig macht? Für eine Woche Bekochen gibt es einen Blumenstrauß? Das ist doch keine Nähebeziehung, das ist ein Verhältnis wie zwischen Chef und Mitarbeiter.

ZEITmagazin: Und Loben?

Juul: Lob ist eine Note, eine gute Note. Das heißt, unsere Beziehung ist jetzt nicht mehr gleichwertig, ich bin der Lehrer, und ich kann entscheiden, was der Schüler verdient hat, eine schlechte oder eine gute Note. Das Problem ist: Lob schüttet Lusthormone aus, und danach werden Kinder süchtig. Verstehen Sie mich nicht falsch: Man kann seine Kinder Tag und Nacht loben. Die Frage ist nur: Was passiert dann? Wenn man ein Kind will, das einfach nur funktioniert, ohne nachzudenken, ist Lob eine praktische Sache.

ZEITmagazin: Zwischen dem Wissen, der Überzeugung, was gut ist fürs Kind, und dem, was man dann wirklich tut, klafft oft eine ziemliche Lücke.

Juul: Um sich etwa das dauernde Loben abzugewöhnen, muss man abends überlegen: Wie oft habe ich heute mein Kind gelobt? Was hätte ich stattdessen Persönliches sagen können? Wer sich ein, zwei Wochen lang so hinterfragt, ist weg von dieser automatischen Sprache.

ZEITmagazin: Kaum jemand würde heute behaupten, dass es gut ist, ein Kind zu schlagen. Trotzdem rutscht vielen mal die Hand aus.

Juul: 50, vielleicht 45 Prozent der Eltern mit Kindern über zehn sagen: Ja, ab und zu habe ich das Kind geschlagen. Es gibt immer weniger, die daran glauben, dass Schläge zu einer guten Erziehung gehören. Eltern, die das machen, sind oft einfach unsicher.

Der in Gänze lesenswerte Artikel findet sich hier.


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