Gleichheit zwischen den Geschlechtern gilt für die Lebenserwartung dann als gegeben, wenn die weibliche Lebenserwartung fünf Jahre höher liegt als die der Männer.

Dies wird anscheinend als eine Art natürliche Konstante gesehen, die es den Konstrukteuren des Index erlaubt, Länder, in denen die Lebenserwartung der Frauen nur zum Beispiel vier Jahre höher ist als die der Männer, als diskriminierend gegen Frauen zu werten.

Der Gedanke, dass ganz andere Faktoren wie etwa der Lebensstil die Lebenserwartung von Männern und Frauen prägen, spielt hier offenbar keine Rolle, und es wird bestimmt, die Gleichheit zwischen den Geschlechtern verlange, dass Frauen fünf Jahre länger leben. Eine empirisch kleinere Lücke führt für das betroffene Land im aus verschiedenen Dimensionen zusammengesetzten Gender Equality Index im Bereich der Lebenserwartung zu einem Malus.

Einer ähnlichen Logik folgt auch ein Bericht der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2010 über „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit 2008“. Ihm ist zu entnehmen, dass Arbeitsunfälle zu rund 24 Prozent auf Frauen, zu 76 Prozent aber auf Männer entfallen und dass tödliche Arbeitsunfälle zu neun Prozent Frauen, zu 91 Prozent Männer treffen. Bei den anerkannten Berufskrankheiten liegt der Frauenanteil bei zehn Prozent. Der Bericht hält dazu fest: „Nur etwa jedes elfte Opfer eines tödlichen Arbeitsunfalls ist weiblich, bei den meldepflichtigen Arbeitsunfällen ist es etwa jedes vierte. Dennoch gab es im Jahr 2008 fast 230.000 meldepflichtige Arbeitsunfälle von Frauen. Grund genug, sich näher mit diesen Unfällen zu beschäftigen.“

Folgerichtig widmet der Report dann dem Schicksal von Frauen in der Arbeitswelt einen eigenen Abschnitt. Dort finden sich viele Daten zur geschlechtsspezifischen Verteilung der Arbeitszeit oder zum Frauenanteil in Führungspositionen, während auf die Verteilung der Unfälle und Berufskrankheiten nur relativ kurz eingegangen wird. Der Tatbestand einer überproportionalen Betroffenheit der Männer ist für die sich um Geschlechtergleichheit sorgenden AutorInnen im Bericht offenbar nicht weiter von Belang.

Weder logisch noch fair

Teilt man das Argument, dass geschlechtsspezifische Unterschiede soziale Konstrukte sind, denen in Wirklichkeit andere Faktoren zugrunde liegen, so gilt im Umkehrschluss auch, dass Quotenregelungen nicht haltbar sind, weil auch die Berufschancen – ähnlich wie die Versicherungsrisiken – von Lebensstilen und anderen Einflussfaktoren geprägt sind. In der Diktion der Generalanwältin hätte man dazu dann festzustellen: Unterschiedliche Berufserfolge lassen sich allenfalls statistisch mit dem Geschlecht in Verbindung bringen. Dabei spielen zahlreiche andere Faktoren eine wichtige Rolle. So ist der Berufserfolg stark von wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten jedes Einzelnen beeinflusst, wie zum Beispiel familiäres und soziales Umfeld, Ernährungsgewohnheiten, Konsum von Genussmitteln und/oder Drogen, Freizeitaktivitäten und Ähnliches.

Beide Argumentationslinien jedoch gleichzeitig zu verfolgen, um je nachdem, wer von der Ungleichheit stärker betroffen ist, die eine oder die andere zu verfechten, offenbart, dass man es entweder mit der Logik oder mit der Fairness nicht so genau nimmt. Zumindest sollten diejenigen, die das Geschlecht auch weiterhin als eine zentrale Dimension sozialer Ungleichheit darstellen wollen, allmählich auch die Ungleichheiten zu Ungunsten von Männern zur Kenntnis nehmen. Die Männer wären gut beraten, wenn sie den Universalismus als Wert weiterhin hochhielten, überdies aber eine Sensibilität für die Verwendung von Doppelstandards erkennen ließen und der mit harten Bandagen und doppelten Standards aufwartenden Interessenverfolgung engagierter entgegenträten.

 

Jens Alber ist Soziologe und Forschungsdirektor am Wissenschaftszentrum Berlin

Kommentare

  1. Alexander meint:

    Noch bis in die frühe Neuzeit hinein hatten Frauen eine deutlich geringere Lebenserwartung als Männer. Dafür gab es zwei wesentliche Gründe:
    1. Frauen bekamen im Schnitt zwischen vier bis acht Kinder.
    2. Die hohe Geburtenzahl führte oft zu Komplikationen während der Schwangerschaft bzw. während der Geburt. Der Tod im Kindbett, aufgrund mangelnden medizinischen Wissens, war keine Ausnahme. Dass alles drückte auf die Statistik.

    Dass Frauen die Männer in der Lebenserwartung überholten, ist wesentlich auf den medizinischen Fortschritt zurückzuführen.

    Es ist nicht erwiesen, das der männliche Lebenswandel Ursache für die geringere Lebenserwartung der Männer hat. Das könnte genauso gut auf biologische Implikationen zurückzuführen sein.

    In der männlichen Mortalitätsrate spielen die Auswirkungen genuin maskuliner Lebensweisen (wie z. B. Arbeitsunfälle mit tödlichen Ausgang) keine signifikante Rolle. Insofern kann ich die hier aufgemachte Diskussion nicht nachvollziehen. Das Männer körperlich und geistig anspruchsvollere Arbeiten verrichten und dadurch besonders gefährdet sind, liegt an der unterschiedlichen biologischen Konfiguration der Geschlechter. Frauen sind für bestimmte Aufgabe weniger geeignet als Männer. Folglich ist es logisch, dass ausschließlich Männer bestimmte Arbeiten verrichten.

    Wer von einer totalen Gleichstellung der Geschlechter träumt, verkennt nicht nur die Realitäten, der ist auch ein gefährlicher Utopist. Das gilt nicht nur für Feministen.

    • Leon Woczelka meint:

      Vielen Dank für diese aufschlussreiche Ergänzung.

    • Robert W. meint:

      “Es ist nicht erwiesen, das der männliche Lebenswandel Ursache für die geringere Lebenserwartung der Männer hat. Das könnte genauso gut auf biologische Implikationen zurückzuführen sein.”
      Die sogenannte “Klosterstudie”, bei der rauskam, daß die Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Mönchen und Nonnen minimal sind, legt zumindest nahe, daß der biologische Anteil an der kürzeren männlichen Lebenserwartung ebenfalls minimal ist.

      Genau weiss man das aber nicht so recht, weil es ja (wie es auch der Artikel oben anprangert) keine”alte Sau” interessiert , wenn es Männern schlechter geht.

    • Peter meint:

      das mag sein, nur es ist eine vermutung, eine schlechte noch dazu, genauso gut könnte es ja umgekehrt sein, dass wenn man für männer gleich viel geld ausgeben würde wie für frauen (immerhin wird für frauen pro jahr und nase fast 3000€ ausgegeben, für männer nur knapp über 2000€), wenn man männer auch schon in frühen jahren bei der vorsorgeuntersuchung berücksichtigen würde, wie frauen und männerspezifische krankheiten nicht erst bei über 45-jährigen berücksichtigen würde, beim hautkrebs werden frauen 15 jahre vor den männern untersucht, obwohl sie meist kleiner sind, was ja nichts anderes bedeutet, als dass frauen weniger haustzellen als männer haben, demzufolge auch weniger zellen haben, die bei der zellteilung probleme verursachen, und man für männer gesundheitsberichte einführen würde, männergesundheitszentren zur verfügung stellen würde, man eventuell auch männerärzte hätte dass männer aufgrund der biologie länger als frauen leben, derzeit ist es jedenfalls so, dass frauen nur deshalb länger als männer leben, weil sie mehr hilfe bekommen, mehr geld im gesundheitswesen zur verfügung haben, kaum gefährliche jobs machen, sich dann aber wundern, wenn sie wenig verdienen, dass sie länger leben

  2. Herbert Hiller meint:

    [b]So lange Männer eine knapp 7-Jahre kürzere Lebenserwartung haben ist jede Frauen-zentrierte Maßnahme eine FAKTISCHE Menschenrechtsverletzung![/b]

    Wieso sollte es einen feministischen FRAUEN-Tag geben….

    - solange Männer Zwangsdienste BW und Zivildienst verrichten müssen, auch wenn sie zZ ausgesetzt sind bleiben sie dennoch im GG verankert. Für Frauen nicht.
    - solange die Berufsunfalltoten zu 94% Männer sind
    - solange die Lebenserwartung der Männer weit unter der der Frauen liegt (6,16 Jahre)
    - solange es ausschließlich einen FRAUEN-GESUNDHEITSBERICHT gibt
    - solange die Selbstmordrate der Männer weit über der der Frauen liegt
    - solange die Obdachlosen-Zahlen der Männer (90%) so weit über den Zahlen der Frauen liegen
    - solange die Afghanistan-Gefallenen ausschließlich männliche Vornamen haben
    - solange die Haushalts-Unfall-Toten zu 80% Männer sind.
    - solange Jungs nur 40% der Abiturienten stellen
    - aber über 2/3 der Sonderschüler mit Retalin ruhig gestellt werden
    - riesige Summen jährlich 200 000 Millionen Euro per Gesetz von dem Mann zur Frau geschoben werden.

    Das alles hat nichts mit Geschlechter-Gerechtigkeit zu tun!

  3. Leon Woczelka meint:

    Und auch Euch, vielen Dank!

  4. Chris meint:

    Alexander schrieb:

    “In der männlichen Mortalitätsrate spielen die Auswirkungen genuin maskuliner Lebensweisen (wie z. B. Arbeitsunfälle mit tödlichen Ausgang) keine signifikante Rolle.”

    Das halte ich für eine problematische und unbelegte Behauptung, insbesondere unter Berücksichtigung der bereits erwähnten Klosterstudie. Wenn Sie über die von Ihnen genannte Information verfügen, dann müssten Sie ja eigentlich auch wissen, was dann die männliche Mortalitätsrate signifikant beeinflusst. Vielleicht könnten Sie das dann hier einmal ausführen.

  5. Bombe 20 meint:

    Die Klosterstudie hat eine methodische Schwäche:
    Nach einer aktuellen Studie sind Jungs und junge Männer die am stärksten lebensgefährdete Gruppe, danach kommen Kleinkinder. Um also überhaupt in ein Kloster eintreten zu können, müssen Männer die gefährlichsten Lebensstadien (in denen sie sich z.B. zehn mal häufiger umbringen) bereits hinter sich gebracht haben.

    Das macht die Studie natürlich nicht weniger wertvoll, könnte aber eventuell den Blick auf einige häufige “männliche” Todesursachen -nämlich die von Jungs- verstellen.

    B20

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